Das Tagebuch der Anne Frank haben viele Schülerinnen und Schüler mit großem Interesse gelesen – wir haben es im Unterricht der Klassen S3 im letzten und in diesem Jahr in Deutsch L2 besprochen. Anhand von Annes Schilderungen konnten wir uns die Lebensumstände, den Mangel und die Enge sehr plastisch vorstellen. Über Annes Ende waren alle sehr betroffen. wir haben uns gefragt, wie andere Menschen in ähnlicher Lage gelebt und gedacht haben.
Nun hatten wir das große Glück, eine Zeitzeugin jener Jahre, Frau Ilse Rau aus Konstanz, im Unterricht zu begrüßen – Näheres dazu in Aidas Bericht.
Die beiden Stunden mit ihr waren sehr intensiv und nah – alle im Raum haben auch gespürt, wie persönlich es ist, von seinen Erfahrungen in einer Zeit der Verfolgung zu reden – vor jungen Menschen, die man nicht kennt. In Frau Raus Schilderungen ging es – wie im Tagebuch der Anne Frank - weniger um die großen Daten der Weltgeschichte als um das alltägliche Leben eines kleinen Mädchens, das in schwieriger Zeit aufwächst, eines Mädchens, das plötzlich nicht mehr auf den Spielplatz darf, das mit der Mutter flüchtet und bei der Flucht in einen Hinterhalt gerät. Es geht um eine junge Frau, die in einem Heim für Überlebende von KZs arbeitet und deren Situation miterlebt.
Nach dem Besuch bat ich die Schülerinnen und Schüler – es handelte sich um die Klassenstufen S3 und S4 - einige Eindrücke aufzuschreiben – was hatte sie erstaunt, bewegt und gefreut an den Schilderungen unseres Gastes?
Abschließend danke ich Frau Rau für ihr Kommen und freue mich an der gegenseitigen Empathie, den interessanten Fragen und den schriftlichen Bemerkungen der vielen Schülerinnen und Schüler, die den Raum füllten und im Miteinander die Situation lebendig machten.
Christiane Boeck, Deutschlehrerin
Mich hat bewegt, wie Frau Rau an der Grenze von ihrer Mutter getrennt wurde. Sehr bewegt hat mich auch die Einsamkeit, weil sie ein Einzelkind war und dann von den anderen Kindern ausgeschlossen wurde.
Ich habe gelernt, wie es wirklich früher war und dass ich jeden Tag leben sollte, als wäre es mein letzter.
Chaysen
Was mich bewegt hat, ist, dass Frau Rau mit ca. 11 Jahren schon so viel durchgemacht hat, dass sie später viele Verletzungen geheilt hat, die ich mir selber nicht angucken könnte. Und dass sie nach so vielen Ereignissen glücklich ist.
Ricarda
Was mich gefreut hat, ist, dass Frau Rau am Ende ein Happy end hatte, dass man sieht, dass doch nicht alle Deutschen wie Hitler sind und dass sich diese Leute auch gegen seinen Willen aufbäumen.
Christoph
Mich hat bewegt, als Frau Rau ihr Spielplatzerlebnis erzählt hat. Das war so schrecklich, (...) kein Kind konnte mehr mit ihr spielen, nur weil ihr Vater Jude war. Was macht es aus, ob eine Person Jude oder nicht Jude ist? Es ist doch die gleich Person, die man <schon zuvor> gekannt hat. Mich hat es auch bewegt, als Frau Rau in eine Falle geraten ist und ihre Mutter konnte sie nicht aus der Falle heraus holen, weil die Soldaten auf dem Weg waren.
Olga
Es hat mich gewundert, wie diese Frau auf solche schweren Erlebnisse stark reagiert hat und einfach ihr Leben weiter geführt hat. Sie hat es geschafft, lebendig heraus zu kommen, sie hat es geschafft, eine Arbeit zu kriegen und sie hat sogar zweimal geheiratet. Sie hat sogar neun Kinder bekommen. Nach all diesen hässlichen Erfahrungen hat sie sich ein neues Leben gemacht.
Tommaso
Mich hat bewegt, dass Frau Rau uns Schülern alles so klar erzählen konnte ohne zu weinen. Dass sie alles so klar erzählt hat, dass man sich wirklich vorstellen konnte, wie es damals war. Dass sie ihre Mutter wiedergefunden hat. Mich hat gefreut, dass sie lustig ist, dass sie moderne Wörter benutzt wie „Ich hock’ mich hier hin“. Dass sie noch lebt, dass sie überleben konnte, dass sie gekommen ist um uns so viel zu erzählen.
Jonathan
Was ich am verrücktesten fand war, dass Frau Rau das alles als Jugendliche erlebt und überlebt hat, denn sie musste eine große Willenskraft haben um so viel Schreckliches zu sehen, aber auch, all das zu erzählen. Ich fand es richtig erstaunlich, dass sie so eine Kraft aufbringen konnte, um ihre Erfahrungen vor uns zu erzählen. Und auch, dass sie Persönlichkeiten wie Sartre gekannt hat. Als Frau Rau von den Überlebenden aus dem KZ, die sie pflegen musste, erzählt hat – dass man ihnen die Nägel ausgerissen hatte – hat mich schockiert, trotzdem fand ich es gut, dass sie es so direkt erklärt hat, denn es ist etwas anderes, wenn man es erzählt bekommt als wenn man das in einem Buch liest.
Marie
Die Lebenslust der Frau Rau hat mich sehr gefreut, dass sie nach so vielen Erlebnissen immer noch Lust hat, die Welt zu entdecken.
Constantin
Am 10.03.08 kam Ilse Rau zu uns in die Schulstunde, um uns etwas über ihr Leben und den 2. Weltkrieg zu erzählen.
Sie wurde 1928 geboren und wuchs als Einzelkind in wohlhabendem Hause auf. Ihr Vater war Jude und hatte eine Textilfabrik in Chemnitz. Ihre Mutter war eine „Berlinerin“ und wurde eines Tages gebeten, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen. Sie weigerte sich - und ab diesem Zeitpunkt wurde der ganzen Familie die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt. Sie wurden als Juden abgestempelt, obwohl Ilse Rau vom jüdischen Religionsgesetz her keine Jüdin war, das ist nur jemand, dessen Mutter jüdisch ist, was bei Frau Rau nicht der Fall war.
Plötzlich durften die Nachbarskinder nicht mehr mit ihr spielen und sie durfte nicht mehr auf den Spielplatz oder ans Reck.
1936 war die Familie verarmt und eines Tages lief Ilse Rau mit ihrer Mutter durch die Straßen, als sie ihren Lehrer Leo Elend sah, der auf den Knien die Straße putzen musste. Sie durfte ihn nicht einmal anschauen, geschweige denn ihm helfen und als sie am Tag darauf in die Schule kam, hatte ihr Lehrer keine Schneidezähne mehr.
Am Tag, der auf die Pogromnacht des 9. November 1938 folgte, musste die zehnjährige Ilse mit ansehen, wie ein Jude, der aus einer zerstörten Synagoge kam, gesteinigt wurde.
Im Juni 1939 wanderte sie mit ihrer Mutter schließlich nach Belgien aus. Ihre Mutter hatte ihr den Mund verklebt, weil sie Husten hatte und niemand sie hören durfte, doch als ihre Mutter schon die Grenze passiert hatte, geriet sie in eine Falle, kam drei Monate lang in ein Straflager und wurde im September wieder nach Berlin zurückgeschickt.
Dort lebte sie bei ihrer Tante, die sich um sie kümmerte, weil sie ja keine Lebensmittelmarken mehr hatte, bis sie im Januar 1940 wieder nach Belgien durfte. Als sie im Zug saß und sie an der Grenze gefragt wurde, wer denn ihren Koffer gepackt habe, antwortete sie ganz selbstverständlich, dass ihre Tante das getan hätte und wurde daraufhin „bis in den Hintern“ durchsucht.
In Brüssel mussten sie und ihre Mutter sich ab 1942 verstecken und beide lebten nur von den Essensresten, die ihre Mutter als Küchenhilfe in einem deutschen Offizierskasino nach Hause bringen konnte.
1943 lernte sie einen Retter kennen: in dieser Zeit durften die Armen sich von den Soldaten Essen abholen, doch Ilse konnte das nicht fertigbringen und als sie an der Flak vorbeilief, bat sie ein junger Mann einen Brief für ihn einzuwerfen, im Gegenzug würde sie einen Laib Brot von ihm bekommen. Sie willigte ein und machte so Bekanntschaft mit Walter Rau, der später nach Russland geschickt wurde, seine Schwägerin aber bat, Ilse und ihrer Mutter Päckchen zu schicken.
Im Juni 1944 fiel eine Bombe auf das Haus; Ilse war verschüttet und kam in ein Erholungsheim in den Ardennen. Als sie hörte, dass Brüssel zerbombt worden sei, machte sie sich mit zwei Freundinnen auf nach Belgien, doch auf dem Weg wurde eine ihrer Freundinnen umgebracht. Noch dazu hatten sie versucht einem verletzten Deutschen zu helfen und wurden plötzlich als belgische Gefangene festgenommen.
Mit 16 Jahren arbeitete sie in einem Heim, in dem sie für Menschen sorgte, die aus den Konzentrationslagern kamen. Sie arbeitete dort, weil sie ihre Schule finanzieren und Medizin studieren wollte. In dem Heim hatte sie viele Aufgaben, so musste sie 12- bis 14 jährige Mädchen behandeln, die z.B. abgezogene Fingernägel hatten. Sie musste diese von Grausamkeit gezeichneten Mädchen entlausen oder am Telefon sein und war eine der wenigen, die es im Heim aushielten.
Ilse Rau steht vor uns, lächelnd und fröhlich, klein, mit weißen Haaren und gebräunter Haut, setzt sich vor uns auf den Tisch und erzählt uns das alles. Man hat das Gefühl, dass sie modern ist, offen für uns und unsere heutige Welt. Sie versucht uns ihr Leben und das Europa, in dem sie aufwuchs, näher zu bringen, damit wir wissen, was wir für ein Glück haben, aber sie bemitleidet sich nicht, lebt im Hier und Jetzt und erzählt uns strahlend, vielleicht sogar dankbar, dass es auch schöne Seiten gab:
Sie hat Simone de Beauvoir, Jean Paul Sartre und die Schwester von Marie Curie persönlich kennen gelernt und heiratete den „Retter“ Walter Rau.
Stolz erzählt sie uns von ihren 9 Kindern und ihren 14 Enkelkindern - und als es klingelt und wir alle gehen, bin ich erleichtert: endlich mal eine Geschichte aus dem 2. Weltkrieg mit einem Happy End.